Im Jahre 1908 gründete André Michelin das Bureau des Itinéraires, welches auf einfache Anfrage jedem, der - sei es aus reinem Vergnügen, sei es für die Arbeit - mit dem Auto unterwegs war, eine genaue und ausführliche Wegbeschreibung zuschickte.
Nach einem relativ bescheidenen Anfang entfaltete sich die Aktivität des
Bureau des Itinéraires anfangs der zwanziger Jahre in vollem Umfang. So wurden 1925 über 150.000 Wegbeschreibungen verschickt. Auf dieser Art kam André Michelin 1926 die Idee alle Wegbeschreibungen einer Region in einem Werk herauszugeben: der Guide régional Michelin, der erste touristische Michelinführer sah das Lebenslicht. Anfangs war der touristische Teil beschränkt auf einer Einführung und eine Beschreibung der allerwichtigsten Besonderheiten der Region. Im Jahre 1935 änderte sich das Format des Führers und der Preis wurde ziemlich gesenkt, während der touristische Teil erheblich erweitert wurde. 1937 wurde letztendlich, mit der Erscheinung des Führers Châteaux de la Loire, eine neue Formel angewandt, die der der „Guides Verts“ bis 2000 entspricht.

Als der touristische Michelinführer auf dem Markt erschien, gab es eine ganze Reihe von konkurrierenden Reiseführern. So hatte der Verlag
Hachette die Anzahl ihrer Reiseführerreihen erheblich erweitert, um damit die immer größer gewordene Kundenschar zu locken: Guides bleus, Guides Diamant, ... Da brauchte der neue Michelinführer schon seine ganze Originalität um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen.

An erster Stelle ist der grüne Michelinführer wirklich für den Autofahrer gedacht. Im Vorwort des Bretagne-Führers von 1926 steht, dass er „vollständig von einem Team von vier Beobachter, die in einem speziell zu diesem Zweck ausgestatteten Wagen fuhren, verfasst wurde.“

Aber was wirklich originell war am grünen Michelinführer, und was ihn zu seinem Erfolg verhalf, war die Art des Tourismus den er propagierte: ein populärer Kulturtourismus.

Ein gediegener Kulturtourismus, wobei die wichtigsten Sehenswürdigkeiten mit Sorgfalt beschrieben werden. Aber auch ein populärer Tourismus, fern von dem vom
Guide Bleue verbreiteten Tourismus, der sich an den Touristen der Mittelklasse richtete.
Die Sehenswürdigkeiten werden of anhand von erklärenden Tafeln dargestellt. Die antiken Ruinen, die zum Teil zerstörten Monumente des Mittelalters... werden Dank diesen Bildern so dargestellt, wie sie einst aussahen. Geologische Gegebenheiten wie Grotten oder Erhebungen werden sorgfältig beschrieben. Und religiöse Bauten werden oft von Bildern begleitet auf denen die Skulpturen auf den Säulen und Bögen im Detail dargestellt werden. Kurz gesagt, es ist alles vorhanden um einen nicht so kulturerfahrenen Touristen dem vollen Zugang zum Kunstwerk zu verschaffen und seinen Besuch lohnend zu machen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Absätze mit der Überschrift „
Un peu d’histoire“, in denen das Monument mittels einer Geschichte, die sich dort abgespielt hat, zum Leben erweckt wird. Ab jetzt kann jeder eine Sehenswürdigkeit besuchen und die Ereignisse spüren, die sich dort abgespielt haben, um von seinem Besuch mit einem Gefühl etwas von Kultur und Geschichte gelernt zu haben, wieder heim zu kehren.

Diese Formel hat sich über mehr als sechzig Jahre nicht wesentlich verändert und hat Millionen von französischer und ausländischer Urlauber zu einer besonderen Form von Tourismus verholfen. Leider wurde der
Guide Vert im Jahre 2000 zu einem Führer wie alle Anderen, sicher mit sehr viel mehr Bilder in Farbe, und mit qualitativ guten Beschreibungen, jedoch ohne den ruhmreichen Absätzen „Un peu d’histoire“, die gerade den Charme der alten Formel ausmachten.